10 Dinge, die ich an Schule vermisse, seit ich als Lehrer gekündigt habe

Heute bin ich seit 10 Monaten nicht mehr als Studienrätin an einem NRW-Gymnasium tätig. Ich bin mehr als zufrieden mit meinem Ausstieg, doch es gibt durchaus Dinge, die ich seitdem vermisse. Hier eine kleine Liste:

  • 1: Die Solidarität im Kollegium. Nette Gespräche, Teilen von Freude, Ärger und Trauer. Immer ein offenes Ohr und eine Umarmung.
  • 2: Die schrägen, liebenswerten Typen im Lehrerzimmer, und was sie zu bieten haben. Einige Lehrer erscheinen auf den ersten Blick kauzig, was sich bei näherem Kontakt jedoch als Genialität entpuppt. Es gibt so weise, lustige, herzliche, gutmütige, kreative und inspirierende Leute im Lehrerzimmer. Und alle sind Experten in geistes- und naturwissenschaftlichen Disziplinen, die mir zum Teil sehr vertraut, zum Teil ganz fremd sind. Hier lernt man von den Besten, auch wenn sie oft verkannt werden:-)
  • 3: Der Reichtum und die Diversität des Wissens, das einen permanent umgibt. Nicht unbedingt seitens der Schüler😉, jedoch durch die Kollegen unterschiedlichster Fachrichtungen, eigene und fremde Unterrichtsinhalte, von Schülern erstellte Ausstellungsstücke und Poster auf den Fluren. Man bekommt einfach „Bock“ auf die Welt da draußen, aufs Dazulernen und persönliches Wachstum – und man hat das Privileg all dies im „Schutzraum Schule“ dargeboten zu bekommen. Was für ein Service! Schade, dass das ganz viele Schüler nicht so empfinden. Als Erwachsener geht man einfach mit anderen Augen durch die Schule.

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    Durch die rosarote Brille gesehen ist Schule doch ganz nett😉  (Bild:wolla2/pixelio.de)

  • 4: Kuchen und Muffins zu jeder Gelegenheit! Sei es der Geburtstag eines Schülers, das Jubiläum eines Kollegen, das alljährliche Crêpes-Backen der Französisch-AG, Fundraising für eine Veranstaltung oder für ein Patenkind aus Nigeria – es gibt immer was zu futtern. Insbesondere als Klassenlehrerin bekommt man gelegentlich sogar ein Stückchen zurückgelegt und liebevoll auf dem Pult drapiert.
  • 5: Kinder und Jugendliche inspirieren, schockieren, staunen lassen, begeistern, mit Unangenehmem konfrontieren, informieren und so am Wachstum und Persönlichkeitsbildung teilhaben. Das ist unglaublich anstrengend, aber auch sehr sinnstiftend. Leider tritt dieser zentrale Aspekt des Lehrberufs durch Berge an Korrekturen, Papierkrieg, Machtkampf mit Vorgesetzten oder Eltern sehr in den Hintergrund.
  • 6: Die ein bis zwei Mütter, die bei der Rückkehr von einer Woche Klassenfahrt nicht einfach ihr Kind einpacken und abdampfen, sondern zu mir kommen und sich bedanken (und ein Blumensträußchen/Schokolade in die Hand drücken), weil ihre Kinder die Fahrt super fanden, sie eine Woche Ruhe hatten und ich nun tiefblaue Augenringe. Im Idealfall schicken sie auch ihre Kinder noch einmal zu mir, um selbst Danke zu sagen. Wie gesagt, im Schnitt tun dies unter 10 % der Eltern/Schüler.
  • 7: Der Fokus auf soziale Verantwortung. Sei es Umweltschutz, ein Projekt für Obdachlose, die Adoption eines Patenkindes in einem Entwicklungsland, der Spendenmarathon für ein Kinderheim oder die Willkommensklasse für Flüchtlingskinder – gute Lehrer wissen Herzensbildung und Wertevermittlung in den Unterricht zu integrieren. Gute Schulleitungen schaffen Raum und Wertschätzung dafür. Letzteres ist leider oft nicht erfüllt.
  • 8: Das Fraternisieren mit Schülern und Kollegen bei Schulveranstaltungen. Gemeinsam arbeiten für eine größere Sache, auch mal zu unangenehmen Uhrzeiten. Theatervorstellung, Schulkonzert, Tag der offen Tür, Projektwoche – hier kommt bei Schülern ungeahnter Aktionismus auf, wenn Arbeitsbereiche und Verantwortungen eingeteilt werden und man beweisen kann, was man drauf hat. Ein Gefühl, das sich im Unterricht leider nicht so häufig einstellt😉 Auch hier gilt: Gute Schulleitungen schaffen Raum und Wertschätzung für diese Erlebnisse und Leistungen.
  • 9: Über fachliche und tagespolitische Dinge so gut auf dem Laufenden sein, dass man sie sogar vermitteln kann. Sei es das Phänomen PEGIDA, die Flüchtlingskrise, der BEXIT, die moralische Diskussion über Präimplantationsdiagnostik oder Datenschutz, Theater-Festivals, Ausstellungen, Zeitzeugen-Veranstaltungen, aktuelle Pop-Songs, aufsehenerregende Romane und philosophische Debatten – als Lehrer geht man permanent mit offenen Augen und Ohren durch die Welt, versucht zu hinterfragen, zu ergründen, den Lernwert für Schüler zu überprüfen. Nie zuvor war ich dermaßen auf dem Laufenden und breit informiert.
  • 10: Menschen von ganz anderen Seiten kennen lernen. Der Klassenclown ist Deutschlands neue Handball-Hoffnung, die 5er-Kandidatin in Englisch sorgt mit ihrem Cello beim Schulkonzert für feuchte Augen, der Legastheniker engagiert sich passioniert als Schulsanitäter, der Lehrerschreck legt auf der Klassenfahrt einen filmreifen Breakdance hin, das Mädel mit der Sprachstörung spielt beim Theaterstück selbstbewusst die Hauptrolle. Man wird immer wieder daran erinnert, dass man einen Menschen nicht in den Kategorien „Erdkunde/Deutsch/Physik/Note 1-6“ erfassen kann. Leider kommt dieser Blickwinkel in der Schule oft viel zu kurz, was mich als Lehrer stets sehr frustriert hat. Um hier mal ein kleines Zitat anzubringen: „Wissenschaftlich gesehen wären die wichtigsten Schulfächer: Musik, Sport, Theaterspielen, Kunst und Handarbeiten“ Manfred Spitzer, Psychiater und Hirnforscher

Rückblickend gibt es viele schöne Aspekte von Schule – doch trotzdem kann auch die größte Schulromantik nicht über die Kehrseite hinwegtäuschen, die mich zum Ausstieg bewogen hat. Vielleicht wird mein nächster Blog-Artikel ja „10 Dinge, die ich definitiv NICHT an Schule vermisse“, damit die Balance stimmt.😉

4 Monate seit dem Ausstieg aus dem Lehrberuf – Es gibt ein Leben danach ;-)

Heute feiere ich den 4. Monatstag seit meinem Schulausstieg zum 1. Mai 2015!

Seit dem haben sich die Ereignisse für mich überschlagen, ich habe von zahlreichen (auch unerwarteten) Personen positives Feedback zu meiner Entscheidung bekommen und bin nach wie vor dabei, mir den Weg „zurück ins Leben“ zu bahnen. (Hobbies, Sport und Zeit für mich? Das gab es seit Jahren nicht mehr in dem Umfang…)

Der 1. Mai (Ironie des Schicksals: Tag der Arbeit😛 ) wird wohl in Zukunft ein kleiner zweiter Geburtstag für mich.

Auf meinem Blog haben mich viele Ähnlich-Denkende angeschrieben, die an verschiedenen Punkten ihrer Ausstiegsüberlegungen stehen. Ich freue mich, wenn ich dazu beitragen kann, dem einen oder anderen das Gefühl von etwas mehr Orientierung, Bestätigung oder überhaupt „Wiedererkennen“ und „Sich verstanden fühlen“ zu geben.

Oft wurde mir die Frage gestellt, was ich denn eigentlich jetzt mache. Ich hätte jetzt gerne DEN Tipp, der für jeden Lehrer als ultimative Ausstiegsmöglichkeit passt, leider ist das wohl in jedem Fall eine hoch individuelle Herausforderung.

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Der 1. Mai wird mein kleiner, zweiter Geburtstag. „Tag der Arbeit“ eben, welch ein Zufall😉

Etwa 4-5 Jahre lang habe ich schon nach Alternativen gesucht (also kurz nach dem Referendariat schon damit begonnen). Nebenberufliche Weiterbildung oder Studium wären in Frage gekommen, bei genauerer Betrachtung der Details aber doch wieder nicht… Im Endeffekt hat es zu meinem Ausstieg der Unterstützung meiner ganzen Familie bedurft. Ohne meine Eltern und meinen Mann hätte ich den Schritt schlichtweg nicht realisieren können.

Mein jetziges Tätigkeitsmodell hat zwei Komponenten, nämlich zum Einen den Einstieg in das seit 8 Jahren bestehende Unternehmen meines Mannes, zum Anderen noch eine freiberufliche Tätigkeit als Kleinunternehmer nebenher. (Was ich jetzt ganz genau mache, könnt ihr gerne individuell erfragen – Datenschutz und so…😉 )

Jetzt bin ich also freiberuflich selbständig und könnte jeden Tag eine Flasche Schampus knallen lassen vor Freude über diese Entscheidung. Ich arbeite viel und trage nach wie vor große Verantwortung, doch die Arbeit, die ich jetzt mache, ist für mich von ihrer Intensität her überhaupt nicht mit der totalen Zermürbung des Lehrerberufs vergleichbar.

Im Grunde fühlt es sich für mich kaum an, als ob ich wirklich arbeite… denn bisher habe ich Arbeit (speziell: Gymnasium im bildungspolitischen Katastrophenland NRW!) als etwas erfahren, das per Definitionem gekennzeichnet war durch:

  • chronischen Dauerstress
  • Arbeit unter permanentem Zeitdruck
  • lückenlose Musterung und schonungslose Bewertung der eigenen Persönlichkeit
  • Angst vor Versagen, Angriffen auf die eigene Person, rechtliche Anfechtbarkeit
  • Lärmpegel: Düsenjet-Start – Moderne Lernmethoden sei Dank!
  • Einschüchterungsversuche von Vorgesetzten und Eltern
  • strategisches Kaltstellen und Isolieren aller Kollegen mit eigener Meinung durch Vorgesetzte
  • sklavisches Paragraphengereite
  • Entmündigung, Infantilisierung, Bevormundung „von Oben“
  • regelmäßige Nacht- und Wochenendschichten
  • Dauer-Nervfaktor neue Medien: Beamer kaputt, Server streikt, externe Boxen weg, falsches Kabel – im 45 Minutentakt
  • dauerhaftes Überschreiten der körperlichen Grenzen
  • Zwangsignorieren aller körperlichen Warnsignale und sukzessive einsetzender Gebrechen
  • Funktionieren müssen ohne Wenn und Aber. Lehrer = Roboter
  • Keine Einspruchsmöglichkeit oder Streikrecht
  • Keine Möglichkeit, skandalöses Vorgehen der Vorgesetzten publik zu machen (Loyalitäts-Eid / Verbeamtung)
  • Ausführen permanent neuer und fragwürdiger Vorgaben, die mit dem eigenen Wertesystem und beruflichen Idealen nichts gemeinsam haben.

All das habe ich in meiner jetzigen Tätigkeit nicht mehr und genieße meine neue Freiheit in vollen Zügen. Fühlt sich rückblickend an wie ein jahrelanger, surrealer Horrortrip.

Dabei habe ich meine Rolle als „Geburtshelfer“ für die Persönlichkeiten von Kindern und Jugendlichen sehr gerne erfüllt. Jungen Menschen die Welt zu eröffnen, sie neugierig zu machen, zum Nachdenken anzuregen, sie zum Hinterfragen allgemeiner Werte zu provozieren – das ist toll! Aber nicht in diesem System aus Angst, Stress und Menschenfeindschaft.

Mir fehlen viele meiner Schüler und Kollegen. Auch gab es teilweise sehr nette Eltern. Berührt hat mich, mit welchen Worten ich von einem Schülervater (sein Sohn ist jetzt in der 10, ich war von Klasse 5-7 Klassenlehrerin) über ein soziales Netzwerk angeschrieben wurde:

Schön zu hören, dass es ihnen gutgeht. Ja, habe das mit dem Ausstieg habe ich schon alles mitbekommen (…) in der Schule gab es schon ein großes Hallo deswegen, das haben eine Menge Eltern mitbekommen. Finde es super, dass sie ihrem Bauch folgen (…) und nicht dem vermeintlich sicheren Weg. Wir – meine Frau und ich – haben immer gedacht, sie sind zu gut für das Schulleben… Auf der anderen Seite gibt es viel zu wenig von Ihrer Art an den Schulen.

Einige ähnliche Kommentare erhielt ich auch von Eltern meiner aktuellen Klasse.

Ich wünschte für uns alle, dass es anders liefe an unseren Schulen. Was für ein Schlamassel…


Nachtrag:

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Die Dunkelziffer von Lehrern am Limit ist hoch und die Angst vorm „Outing“ groß.

Dieser Artikel wurde in den ersten Stunden nach Veröffentlichung über 3000 mal aufgerufen und es gab viele Reaktionen dazu. Darunter auch einige Nachfragen, auf die ich hiermit antworte, sofern nicht schon persönlich geschehen.

Ich schreibe hier von meinen eigenen Erfahrungen und Empfindungen und erhebe keinen Anspruch darauf, die universelle und einzig wahre Meinung über Schule zu vertreten. Auch möchte ich niemanden verschüchtern, der noch am Anfang steht. Das Schulsystem, die Schulform, die individuelle Schule, Einzugsgebiet der Schule, Zusammensetzung des Kollegiums, die Schulleitung, gesellschaftliche Veränderungen und nicht zuletzt natürlich die eigene Persönlichkeit und Veranlagungen – all das spielte in meine Entscheidung mit rein.

Ich behaupte auch nicht, dass andere Jobs nicht auch ähnliche Züge haben können.

Natürlich gibt es daher viele Lehrer, die die Dinge nicht, oder nur in Teilen so sehen wie ich. Das ist ja auch sehr beruhigend! Dann halten weiter noch Leute mit Herzblut die Fahne an den Schulen hoch! Ich bin voller Bewunderung für manche unermüdlichen, inspirierenden Kollegen, und dankbar, dass sie für so viele Heranwachsende weiter Sinn stiften.

Auch wurde ich von einer befreundeten Lehrerin zu meinem Blog gefragt „Wo sind die positiven Aspekte des Lehrer-Jobs? Wo ist der Spaß mit den Kindern? Wo die tollen Gespräche mit Kollegen? Wo die Motivation und Belohnung, wenn mal eine Stunde richtig gut klappt?“ Dazu muss ich antworten: Klar gibt es all das! Sogar recht häufig und auch ich habe das oft genossen.

Doch ich hatte stets das Gefühl, dass all diese positiven Aspekte von Schule TROTZ der Umstände stattfinden und nicht WEGEN der Umstände. Mit meinen Kollegen und Schülern fühlte ich mich oft wie in einem fraternisierenden Bündnis GEGEN die Umstände. Viele nette Momente entstanden gerade dadurch, dass man das Gefühl hatte, gegen das System zusammen halten zu müssen. Wenn positive Momente auf dieser Basis beruhen, kann ich sie für mich nicht wirklich als positiv werten, auch wenn es schöne Erlebnisse sind.

Kontinuierlich erhalte ich Zuschriften von Referendaren und Lehrern, die sich sehr mit meinen Worten identifizieren und erleichtert sind, dass sie mit ihren Missempfindungen nicht alleine da stehen. Schlimm genug, dass mir so viele Lehrer zustimmen und selbst keine Möglichkeit sehen, die Situation für sich zu verändern.

Als Lehrer darüber zu sprechen, dass man im Beruf unglücklich ist, dass eben nicht alles gut läuft, nicht alle nett und umgänglich sind, und dass es vielleicht gar nicht erstrebenswert ist, diesen Beruf bei allen Sicherheiten für immer auszuüben, ist immer noch ein großes Tabu. Vielleicht wird es durch mein Blog ein bisschen weniger angsteinflößend.

Zentralabitur NRW im Englisch LK 2015 – Soll das ein Witz sein, liebes Ministerium?

Heute wurde Abi in meinem Englisch LK geschrieben, so wie in jedem anderen Abi-Englischkurs in NRW.

Da ist man sich als Lehrer doch gelinde gesagt etwas auf den Arm genommen vorgekommen…

Es gilt allerdings nach wie vor GEHEIMHALTUNG! Das heißt, die Klausuren sind jetzt für den internen Gebrauch veröffentlicht, dürfen aber noch nicht zugänglich gemacht werden.

Aber vielleicht darf man ja vage drüber sprechen…

Die Auswahl im LK bestand zwischen A: einem recht eindeutigen und anspruchslosen Zeitungsartikel, der inhaltlich auf einem Silbertablett Steilvorlagen am laufenden Band präsentierte

und B: einem auf den ersten Blick recht abschreckenden Gedicht. Auch hier hätte man was rausholen können, allerdings hätte das aufgrund des doch recht abstrakten Charakters deutlich mehr Arbeit und Risiko bedeutet. Und man hätte dazu ganz einfach einiges auf dem Kasten haben müssen, um 4 1/4 Zeitstunden über dieses verhältnismäßig kurze Gedicht zu schreiben.

In den drei LKs meiner Schule hat sich natürlich KEIN EINZIGER Schüler für das Gedicht entschieden. Sie wären ja auch bescheuert! Um bei Vorschlag A ein Defizit, also eine 4- und drunter zu kassieren, muss man quasi schon ein leeres Blatt abgeben.

Neben dem Punkte-Ausverkauf im vorgegebenen Bewertungsraster ist die gelenkte Themenwahl also ein weiteres Instrument des Landes NRW, um die Abiturquote zu heben. Ähnlich lief es schon vorgestern beim Deutsch-Abitur. Gut für die Schüler, ich gönn’s Ihnen. Für jeden mitdenkenden Englischlehrer aber ein Tritt in den Allerwertesten für seine Arbeit!

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Update nach der Korrektur der Klausuren:

Die Klausuren sind eher mittelmäßig bis enttäuschend ausgefallen. Unglaublich! Wie kann man so eine billige Klausur nicht verwandeln?

Es gab wirklich Beschämendes in den Klausuren zu lesen – und ich meine nicht nur sprachlich, sondern vor Allem auch inhaltlich. Die Mehrheit der Schüler hat die Klausur nicht annähernd so ernst genommen, wie man es im Abitur erwarten sollte. Da wurde teilweise komplett sinnentleerter und umgangssprachlicher Schund niedergeschrieben, kaum Dinge von dem umgesetzt, was wir monatelang vorher intensiv geübt hatten – ich konnte mir nur noch vor den Kopf hauen.

Nur ganz wenige Schüler, haben verstanden, was das moderne Klausurformat von ihnen will (nämlich dämliches Abarbeiten von inhaltlichen Punkten und von durch die Fragestellung schon vorgegebenen Aspekten nach bestimmten stilistischen Regeln) und es lustlos und mechanisch bedient – und dafür zwischen 10 und 13 Punkten bekommen.

Kein Schülertext hat Lesefreude bereitet, alles erschien wie eine krampfhaft dargebotene akrobatische Leistung.

Ich freue mich täglich, dass ich das alles nicht mehr mit anschauen muss…

Die „Kündigung“ als verbeamteter Lehrer – so war’s bei mir! Der Antrag auf Entlassung aus dem Dienst und seine Folgen

Kündigen LIKE A BOSS! In meiner Phantasie hatte ich mir das Gespräch X mit meiner Schulleitung so vorgestellt, wie im vorliegenden Video. Ich hatte mir auch schon überlegt, welche Kollegen den Background-Chor bilden würden😀 Es war dann doch etwas weniger theatralisch – aber mindestens genau so Aufsehen erregend!😉

In der langen Phase der Entscheidung, ob ich tatsächlich als verbeamteter Lehrer einen Schlussstrich ziehen soll, hätte ich mir ein wenig mehr Infos über das ganze Drum und Dran gewünscht. Man will ja schließlich harte Fakten, um abzuwägen, ob man diesen Schritt wirklich gehen soll. Und wenn man denn nun will, wie genau geht das eigentlich?

Aber was bietet einem das Netz zu dem Thema? Gähnende Leere! Das Thema ist quasi nicht vorhanden. Man könnte fast meinen, alle Lehrer seinen glücklich und trügen sich nie mit Ausstiegsgedanken, wenn man die Repräsentation von Lehrer-Kündigungen im Netz so sieht. Faktisch findet man nur in einigen Referendarsforen verwaiste Threads, in denen sich wenige Aussteiger zu Wort melden. Man muss sich also daraus was zusammenreimen und nährt damit weiter die eigene Unsicherheit und Handlungsunfähigkeit.

Auch das Arbeitsamt, an das ich zu erst gedacht hatte, ist im Fall „verbeamteter Lehrer möchte ein Beratungsgespräch bzgl. Alternativen“ alles andere als eine Hilfe. Faktisch erntet man dort ungläubige/missbilligende/mitleidige Blicke. Solche Leute sind da schlichtweg nicht vorgesehen. Bis ich da erst mal einen Termin hatte, fand eine Menge Fehlkommunikation seitens des Arbeitsamtes statt, die keine Buchungsmöglichkeit dafür im Computer haben, dass jemand sich dort trotz laufender Anstellung (ach, was sag ich, LEBENSZEITVERBEAMTUNG) beraten lässt…

Tipp: Das Blog Exit Teacher bietet übrigens umfangreiche Informationen zu Arbeitslosen-Leistungsansprüchen von Lehrern und Jobalternativen.

Meine Beraterin war cool und abgeklärt und hat mich knallhart damit konfrontiert, dass einen Geisteswissenschaftler wie mich keiner auf dem Arbeitsmarkt braucht. Ich solle mal die Publikation vom Bonner Wissenschaftsladen lesen, da könne ich sehen, dass die Alternativen für mich mau sind. Fazit: Sie riet mir dazu, Lehrer zu bleiben und ne ruhige Kugel zu schieben.
Hervorragend!😛


Hilft alles nix. Darum habe ich mich über alle meine Fragen im ausgiebigen Telefonat mit der Rechtsabteilung der Lehrergewerkschaft meines Vertrauens schlau gemacht. Nach 7 Jahren Beitragszahlungen ist die Mitgliedschaft mal für was gut, die ich mir als blauäugiger Referendar habe aufschwatzen lassen ^^ Außerdem wurde mir als Reaktion auf meinen schriftlichen „Antrag auf Entlassung aus dem Dienst“ (Kündigung gibt es ja bei Beamten nicht) eine lange Liste von rechtlichen Aufklärungen zugeschickt.

Hier nun also meine Fragen an die Rechtsabteilung plus die Notizen, die ich mir im Anschluss an das Telefonat gemacht habe. Angaben natürlich ohne Gewähr:

1) Vielleicht doch erst mal Beurlaubung statt kündigen? Unter welchen Umständen kann ich mich beurlauben lassen?

Voraussetzungslose Beurlaubung kann abgelehnt werden und wird sie in der Regel auch, wenn nicht triftige Gründe vorliegen. (Interessant wäre, was genau „triftig“ genug ist.) Alles über 6 Monate muss von höchster ministerialer Stelle bewilligt werden.

1.1) Wie lange ist eine Beurlaubung in Folge möglich?

Im Gegensatz zur voraussetzungslosen Beurlaubung sieht es bei familiären Gründen (Nachwuchs, familiärer Pflegefall) anders aus. Hier wird mehr bewilligt. Nach Elternzeit hat man Rechtsanspruch auf 3 Jahre Erziehungsurlaub. Dies kann auf Antrag nach §71 (Beurlaubung aus familiären Gründen) auf bis zu 12 Jahre insgesamt ausgeweitet werden. In der Regel wird dem stattgegeben. Muss nicht jährlich neu beantragt werden. Der Zeitraum kann schon gleich zu Anfang angegeben werden.

Für Lehrer, die ohnehin in der Kinderwunschphase sind, bietet sich also die dauerhafte Beurlaubung nach Elternzeit schon irgendwie an… Was ist allerdings, wenn man dann nach vielen Jahren wieder in den Beruf einsteigt und dann doch wieder nach 5 Jahren das Handtuch schmeißen will? Richtig, dann hat man einen riesigen Verlust in der Altersvorsorge – aber dazu später mehr.

1.2) In welchem Umfang darf ich bei Beurlaubung anderweitig arbeiten?

Arbeiten darf ich in dieser Zeit in einem Umfang, der „den Gründen meiner Beurlaubung nicht entgegen steht“. Eine volle Stelle bei Arbeitgeber XY im Erziehungsurlaub ist z.B. nicht im Sinne der Erziehung und des Dienstherren. Dies wird in der Regel nicht bewilligt. Der Umfang etwa einer halben Stelle (15 Wochenstunden) wird in der Regel bewilligt. Mehr aber auch nicht. Mit den bewilligten Stunden wird also restriktiv umgegangen.
Faktisch habe ich bei reduzierter Stelle zunächst Antrag auf eine Nebentätigkeit gestellt. Mir wurden 4 Wochenstunden bewilligt. Bei voller Stelle werden übrigens bis zu 8 Wochenstunden Nebentätigkeit bewilligt. Verkehrte Welt…!

Während der Beurlaubung hat man übrigens auch keinen Beihilfeanspruch mehr und zahlt daher die Krankenversicherung zu 100%.

2) Kündigung: Wann/wie möglich?

Jederzeit möglich. Es heißt bei Beamten aber nicht Kündigung, sondern „Beantragung der Entlassung aus dem Dienst.“ Dem wird immer stattgegeben. Man kann zu einem beliebigen Datum kündigen. 3 Monate Kündigungsfrist bestehen jedoch, damit der Dienstherr umdisponieren kann.
Faktisch ist das alles Sache der Absprache mit der Schulleitung. Die können einen früher gehen lassen oder später, so wie sie einen eben ersetzen können. Sie dürfen es aber eigentlich nicht länger als 3 Monate herauszögern. Man kann nach Ausscheiden aus dem Dienst noch für Arbeiten herangezogen werden, die im Nachhinein anfallen. Ich frage mich, was das ist… Vielleicht Orga/Korrekturen/Nachprüfungen, die noch nach dem Ausstieg anfallen und einen unmittelbar betreffen?

3) Was passiert mit meinen Pensionsansprüchen?

Man wird vom LBV bei der Deutschen Rentenversicherung nachversichert (Beim LBV nachlesbar). Allerdings wird nur der Arbeitgeberanteil übertragen, dies bedeutet einen Verlust von etwa 50% der ursprünglichen aufgebauten Ansprüche. Ja, ihr lest leider richtig…

Die Nachversicherung kann bis zu 2 Jahren aufgeschoben werden. Dies ermöglicht, noch mal in ein Beamtenverhältnis einzusteigen und die bisher erworbenen Pensionsanspüche übertragen zu bekommen.

Als Bundesbeamter hat man es übrigens besser als als Landesbeamter. Die bekommen die volle Summe nachversichert. Uff!

4) Kann ich neu / in einem anderen Berufszweig verbeamtet werden?

Ja, wenn ich die Ansprüche für die Verbeamtung weiterhin erfülle (Alter, Gesundheitsprüfung beim Amtsarzt, Polizeiliches Führungszeugnis).

5) Kann ich beantragen, innerhalb meiner bestehenden Verbeamtung für andere Zwecke eingesetzt zu werden, z.B. in der Schulaufsicht? Oder läuft das nur unter Berufsunfähigkeit?

Absolut unwahrscheinlich, dass das bewilligt wird! Man hat ja schon Schwierigkeiten, die dauerhaft Erkrankten anderweitig einzusetzen weil in der Schulaufsicht so wenige Stellen sind.

6) Darf ich noch als Lehrer tätig sein?

Natürlich! Egal ob ich mich auf eine Vertragsstelle oder Beamtenstelle bewerbe, beides geht.


Und wie war es nun bei mir selbst mit der Kündigung? So vom Ablauf her?

Ich habe in den Weihnachtsferien den endgültigen Entschluss getroffen und nach ein paar Tagen schon eine Mail an die Schulleitung geschrieben, dass ich nach den Ferien meine Entlassung beantrage. Auch mein Wunsch-Ausstiegsdatum (Osterferien) gab ich bereits an.

Darauf folgte ein Personalgespräch am ersten Schultag, an dem ich meine Gründe darlegte. Wir einigten uns dann auf ein Ausstiegsdatum (das einen Monat hinter meinem Wunschdatum lag).

Ich schrieb daraufhin meinen formlosen Antrag auf Entlassung, der von der Schulleitung an die Bezirksregierung weitergeleitet wurde. (Als Adresse gab ich mal das Dezernat und die Person an, die sonst alle meine Belange geregelt hatte.)

Dann kam erst mal lange nichts. Ich hatte im Netz gelesen, dass man nach Absenden der Kündigung noch 2 Wochen Zeit hat, um wieder zurückzuziehen. Dazu weiter unten mehr. Auch hatte ich eine Kündigungsbestätigung in schriftlicher Form erwartet. Kam aber nichts.

Daraufhin telefonierte ich mit dem zuständigen Personalrat. Der versuchte erst mal eingehend, mich auf der Zielgerade noch zu bekehren, versprach aber dann, nachzuschauen, ob mein Schreiben eingegangen sei und mir entsprechend zu mailen. Eine offizielle schriftliche Bestätigung sei nämlich für so was nicht vorgesehen (!?!)

Eine Woche später erhielt ich ein Einschreiben der Bezirksregierung, in der ich eingehend darüber aufgeklärt wurde, dass meine Pensionsansprüche zum Teil flöten gehen (bzw. ich anteilig nachversichert werde) und dass ich KEIN BEAMTER mehr bin, wenn ich die Verbeamtung kündige…! Ich hätte jetzt 14 Tage Bedenkzeit (aha, da sind sie, die zwei Wochen Zeit zum Rückzug), und wenn ich mich dann nicht gemeldet habe, sei meine Entlassung rechtskräftig. – Gesagt, getan, nicht gemeldet😉 Da wird einem dann doch etwas mulmig…

Nach etwa 2-3 Wochen flatterte dann auch schon meine Entlassungsurkunde per Einschreiben ins Haus. Ich hatte mir das etwas glamouröser vorgestellt, aber das Schreiben ist ebenso schlicht (nichtssagend ?) wie die Verbeamtungsurkunde und wurde mir auch nicht von der Schulleitung ausgehändigt, sondern wortlos in Fach gelegt. Ein Punkt mehr auf dem Charakterschwäche-Konto meiner Schulleitung… Ich musste den Erhalt quittieren und das beigelegte Formular zurücksenden.

Eine Woche vor den Osterferien habe ich es dann meinen Klassen persönlich mitgeteilt. Im Lehrerzimmer war das schon seit Wochen der Dauerbrenner… Das war eigentlich der Schritt, der mir am Schwersten fiel, es den Schülern persönlich zu sagen. Es kullerten viele Tränen in den Stunden😦 Der Eltern habe ich es per Rundmail geschrieben und daraufhin viele traurige aber durchweg sehr nette Antworten erhalten.

Aktuell habe ich noch 9 Schultage vor mir… Ob ich mich freue, fragen mich die Kollegen täglich, und ob ich danach ab und zu mal zu Besuch käme. Klar, beides! Ich freu mich schon drauf, das ganze als Außenstehender aus neutralerer Position besuchen zu können.

Exit Teacher – Noch eine Aussteigerin aus dem Lehrberuf

Na so was! Da gibt es ja noch eine bloggende Aussteigerin aus dem Lehrberuf im Netz. Ich bin nicht alleine!😀

http://exitteacher.apps-1and1.net

Bitte melde Dich, Gleichgesinnte!😉

One Lovely Blog Award

Vielen Dank für die Nominierung zum „One Lovely Blog Award“ seitens des Blogs Wildnisfamilie.

Dieser Award involviert, dass ich sieben Fakten über mich veröffentlichen sowie 10 weitere Blogs nominieren soll.

Ich interpretiere das für mich mal neu und beschränke mich auf einen Fakt, der für mich der Fakt des Jahres ist:

Ich habe diese Woche meine Entlassungsurkunde aus dem Dienst des Landes NRW bekommen. Man spricht mir Dank und Anerkennung aus. Und das war’s mit dem Schuldienst.:-)

Liebe Schulwelt: Ich bin raus!

Ich habe den Glauben an das System, in dem ich arbeite, über die letzten Jahre verloren.

Dabei bin ich passionierte Lehrerin, liebe den Umgang mit jungen Menschen und inspirierenden Inhalten und mache dabei keinen schlechten Job, wenn ich dem Feedback meines Umfeldes trauen darf. Täglich stehe ich auf’s Neue mit einem Lächeln, einem Packen wohl überlegten Materials und recht bodenständigem „Classroom-Management“ (wie es in Pädagogik-Neusprech so schön heißt) vor meinen Klassen und versuche, den Unterricht angesichts der für mich äußerst fragwürdigen Rahmenbedingungen gut zu gestalten – und mache dazu die Faust in der Tasche. Denn meine Schüler können ja für all dies nichts.

Ein gewisser Idealismus, den ich über die Jahre einfach nicht ablegen kann, verursacht mir im System Schule somit weitaus mehr Frustration als das Gefühl einer positiven Selbstwirksamkeit und Sinnstiftung, das ja eigentlich überwiegen sollte.

„Macht kaputt, was euch kaputt macht“ sangen Ton Steine Scherben in den 70ern. Doch wie soll das als Lehrer aussehen? Die offene Rebellion? Die innere Kündigung? Für viele ist es die „Flucht“ in die Schulleitung oder die Lehrerausbildung.

Meine Konsequenz habe ich bereits gezogen: Ich habe nach einer Reihe von (verbeamteten) Jahren nun den entscheidenden Brief an die Bezirksregierung geschickt, um dem System Schule den Rücken zuzukehren. Meine Tage an der Schule sind damit gezählt. Ziemlich schade für alle Beteiligten, wenn ich das mal mit einer gewissen Portion Eigenlob sagen darf.

Statt „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, heißt es für mich daher in Flo Megas Worten: ICH BIN RAUS! :-)

Dass mir dabei als bisheriger Staatsdiener etwa 50% meiner aktuell aufgebauten Altersansprüche verloren gehen, ist bitter. Auch die lebenslange Sicherheit, die die Verbeamtung bedeutet, gebe ich damit auf. Aber diese Sicherheit kann nicht die Begründung sein, noch über 30 Jahre meine komplette Arbeitskraft einem System zur Verfügung zu stellen, das mich und so viele mehr kaputt macht.

Zu meinem Ausstieg bald mehr an dieser Stelle. Bis dahin drehe ich ganz laut Flo Mega auf!

Halbjahreszeugnisse = Sinnkrise hoch 2 – Oder: The Wall

Die heutigen Halbjahreszeugnisse bringen mich mal wieder an persönliche Grenzen.

Wie alle Kollegen habe ich devot den Berg an schriftlichen und mündlichen Teilnoten, die sich über ein Halbjahr ansammeln, zu einer kompakten Endnote zwischen 1 und 6 verwurstet, die nun auf den Zeugnissen meiner Schüler prangt. Als Klassenlehrerin kam mir dann bei meiner eigenen Klasse die Ehre zu, die Zeugnisse auszuteilen und einige Kinder in ein Meer von Tränen zu stürzen. Statt der erwarteten 3 steht da eine 4, statt der 1 vom letzten Jahr eine 2. Bei den versetzungsgefährdeten Kindern fließen keine Tränen, die haben ohnehin schon resigniert.

Wie sich wohl Außenstehende eine Zeugnisvergabestunde aus Perspektive eines Lehrers vorstellen? Brave „Discipuli“, die gesittet zum Pult schleichen, um demütig und leise das bedeutungsschwangere Papier entgegenzunehmen, um es dann einsichtig zu studieren und in feierlich mitgebrachte Dokumentenordner zu heften um es mit Stolz oder Scham nach Hause zu tragen…

Faktisch sind die Schüler (zumindest in den unteren Jahrgängen) in den Unterrichtsstunden vor der Zeugnisausgabe schon kaum noch zu gebrauchen, quengeln nach Spielen oder Filmen, toben heute besonders wild oder albern. Zu Beginn der besagten Stunde gibt es überwiegend aufgeregtes und ohrenbetäubendes Durcheinanderblöken, das sich während der Stunde, die traditionell mit langweiligem Orga-Krempel gefüllt wird, auch nur bedingt legt. Beginnt man dann die Zeugnisse nacheinander auszugeben, indem man Kinder einzeln und mit feierlicher Mine nach vorne ruft, so wird dieses Prozedere spätestens nach dem vierten Kind davon getrübt, dass eines der ersten vier schon begonnen hat, zu weinen. In diesem Moment springen in der Regel Freundinnen oder Freunde des weinenden Kindes auf, um mit übertriebenem Engagement zu trösten, dabei selbst einen Blick auf das angeblich so schlechte Zeugnis zu erhaschen und im Kopf schnell den Vergleich zur eigenen erwarteten Note zu ziehen. Währenddessen haben schon ein paar weitere Kinder ihr Zeugnis erhalten und es eröffnen sich mehrere Tränenherde, die von lautstark diskutierenden Kindertrauben umringt werden.

In der Mitte ich als einziger Erwachsener im Raum, der durch seine Noten teilweise die Tränen mit zu verantworten hat.

Ich rede hier ausnahmsweise nicht von der Sinnhaftigkeit von Noten oder ausformulierten Gutachten.

Auch rede ich nicht davon, dass es durchaus schlechte Leistungen gibt und dass diese auch definiert und benannt werden müssen.

All das mal außen vor – es fühlt sich einfach Scheiße an, einem Kind zu übermitteln, dass es irgendwelche künstlich geschaffenen Standards in irgendwelchen angeblich lebensrelevanten Fächern nicht erfüllt. Dass sein Fortschritt zwar da war, aber nicht groß genug, nicht altersgemäß, sein Bemühen zwar wahrgenommen wurde, aber nicht zum Ziel führte – oder ganz ausblieb. Dass es auf dieser Schulform möglicherweise nicht erfolgreich sein wird.

Ja, ja, es gibt 1000 Gründe, durch die sich dieser Zirkus legitimieren lässt und einige davon teile ich durchaus. Aber dieser Notendruck, dieser Systemdruck, das macht nicht nur Schüler kaputt. Ich hasse Zeugnistag!

Man erlaube mir, ob meiner niedergeschlagenen Stimmung Pink Floyd zu zitieren:

Der Etikettenschwindel namens „Inklusion“

Inklusion, das ist, wenn hochspezialisierte Schulen für Schüler mit körperlichen und/oder psychosozialen Defiziten geschlossen werden und diese Schüler ohne weiteres Investment von Geldern, Stellen oder Fortbildungen in das Regelschulwesen überführt werden – und es keinen öffentlichen Aufschrei gibt.

Der interessanten Frage, warum der Aufschrei eigentlich ausbleibt (oder vielmehr, wie die Wählerschaft in diese Haltung hinein manipuliert wurde), geht ein denkwürdiger Artikel nach, der in den letzten Tagen zwischen einigen meiner Kollegen weitergegeben wird:

Wie man öffentlich über „Inklusion“ spricht (und was man daraus schließen kann“.

Von moralischer Unantastbarkeit ist hier die Rede und von privater Interessenpolitik. Der Autor formuliert hier ausführlich und treffend die Hybris dieses neuen politischen Steckenpferdes. Bei mir löst der Artikel einmal mehr das Gefühl aus, gemeinsam mit meinen Schülern und Kollegen Bauernopfer in einem politischen Schachspiel zu sein, dort, wo eigentlich nach menschlichen und pädagogischen Regeln gespielt werden sollte.

Ich kann nur noch den Kopf schütteln über eine Bildungspolitik, die derartig unverfroren auf Kostenreduktion angelegt ist, ihrer Wählerschaft aber permanent suggerieren möchte, dass hier Entscheidungen zum Wohle von Kindern und Familien getroffen werden!

Verfassungswidrige Beamten-Nullrunden in NRW – im Dezember wird rückwirkend angepasst.

Ewig lange schon keinen Artikel mehr geschrieben – und jetzt melde ich als erstes wieder mit diesem Besoldungsthema. Dabei bin ich eigentlich noch nicht einmal Befürworter des Beamtenstandes! Sei’s drum. NOCH bin ich Beamte, und die Botschaft, die ich heute auf einem unscheinbaren DIN A4 Aushang im Lehrerzimmer las, hat mir dann doch Genugtuung bereitet.

Hier äußerte sich die Landesregierung höchst persönlich zum Stand der Nullrunden, die jetzt offenbar doch rückwirkend für die Besoldungsgruppen A12 und darüber angepasst werden sollen. Es handelt sich dabei um einen Zeitraum von mittlerweile 22 Monaten, der da zurückgerechnet werden soll.

Im Klartext: Im Dezember 2014 wird das für jeden betroffenen Beamten fertig ausgerechnet sein – so kündigt man an – und dann die Differenz der Gehaltsanpassung seit 2013 ausgeschüttet werden. Habe ich das richtig gelesen? Da bin ich nun tatsächlich überrascht, denn das reißt der NRW Haushalt ja zusätzlich noch mal ins Unermessliche in den Keller. Bin gespannt, wo dann stattdessen gespart wird.

Hätte mir angesichts dessen eigentlich gereicht, wenn es dann ab sofort ein angepasstes Gehalt gibt. Dass man sich jetzt rückwirkend dermaßen in die roten Zahlen stürzt, entspricht zwar der Rechtslage, hätte man aber vielleicht in Hinsicht auf die massiven Schäden, die hierdurch entstehen, auch mit einem netten, öffentlichen „Entschuldigung und Danke an die Beamten der höheren Laufbahnen“ begleichen können.

…und NRW segelt weiter auf den Abgrund zu…