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Schule im Reformwahn. Wie die Bildungspolitik sich von wirtschaftlichen Interessen instrumentalisieren lässt… und sich dabei vormacht, das Beste für die Schüler zu tun.

Seit dem PISA-Schock vor 14 Jahren sind die deutschen Kultusministerien zu Statistik-Sklaven geworden. Denn die OECD, die den PISA-Test als Vergleichsinstrument für internationale Schulleistungen erfunden hat, hatte Deutschlands Bildungssystem zu jener Zeit einen vergleichbar großen Rückstand auf andere Industrienationen diagnostiziert. Die Kritik aus den Hinterbänken, dass bei PISA Äpfel mit Birnen verglichen wurden, verhallte weitgehend im leeren Raum. Viel zu schockierend war die Hiobsbotschaft, dass deutsche Schüler im Jahr 2000 eine schlechtere Lesekompetenz aufweisen sollten als die Italiener und die Tschechen. Wie bitte? Wir lesen schlechter als unsere eigenen Einwanderer? Naja, immerhin noch vor Portugal und Griechenland… mag es da in manch Einem heimlich geraunt haben.

Den Schuh des unerfreulichen PISA-Ergenisses also zog sich der deutsche Staat in unterwürfiger Beamtenmanier mehr als bereitwillig an. Im Land von Mercedes, BASF und Adidas, im Land der Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Zucht und Ordnung, da kann es doch nicht sein, dass unsere Schüler im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich gut lesen können! Wir müssen doch besser abschneiden als die Bananenrepubliken vor uns! Außerdem, so teilte die OECD in den Folgejahren mit, produziere Deutschland im Vergleich viel zu wenig Studenten. Und wie lang die brauchen! Man schaue in die USA, wo nahezu jeder Schüler die Highschool mit etwa 17-19 Jahren erfolgreich absolviert um dann in der Regel ein College zu besuchen. Und in Deutschland? Da betrug die Abiturientenquote Anfang der 1980er nur mickrige 22%. Mittlerweile sind es etwa doppelt so viele und noch immer wird diese Quote als unterdurchschnittlich moniert.

Vom Ehrgeiz des internationalen Vergleichs angestachelt, wurde in den letzten 14 Jahren seit dem „PISA-Schock“ nun so viel wie möglich am Schulwesen herumgedoktert, um:

A) die Schüler besser zu machen.
Ergo: Lehrer in die Zange nehmen, den Unterricht so umkrempeln, dass weniger das Inhaltswissen und -können als die sogenannten „Kompetenzen“ im Fokus stehen (siehe die aktuellen „Kernlehrpläne„). Das Primat des „offenen Unterrichts“ resultiert noch aus Ängsten und Kritik der Alt-68er, die Schule (damals sicherlich zurecht) als autoritär, engstirnig und streng leistungsorientiert empfanden. Dass eine vollkommene Abkehr vom Frontalunterricht und dessen Verteufelung  jedoch absolut nicht sinnvoll ist, wird mittlerweile durch verschiedene Studien (siehe die Hattie Studie) belegt. (Dazu auch FAZ: Frontalunterricht macht klug) Die Quittung für den geöffneten und rückmeldungsarmen Unterricht der Schulabsolventen bekommen die Universitäten schon jetzt zu spüren. So lesen sich mittlerweile Kassandrarufe in der FAZ: Sprachnotstand an der UniStudenten können keine Rechtschreibung mehr

B) mehr Schüler für die Hochschulen zu qualifizieren.
Das heißt vordergründig: Fördern, Differenzieren, neue Schulformen. Tatsächlich heißt das jedoch: Noteninflation, Empfehlungsdruck auf die Grundschulen, Zentralabitur mit Bewertungsvorgaben, die die Noten 5 und 6 quasi unmöglich machen. (Siehe verlinkter Artikel)

C) die Schüler möglichst schnell und kostengünstig durch die Schulzeit zu schleusen.
Das heißt: Schulzeitverkürzung, weniger bis gar kein Sitzenbleiben. Der Vorsitzende des Philologenverbandes, einer der beiden etablierten Lehrergewerkschaften nennt die Debatte ums Sitzenbleiben „in hohem Maße unehrlich“. Die Pläne zur Abschaffung seien „in erster Linie eine Sparmaßnahme von Bundesländern, um Schüler schneller an den Arbeitsmarkt loszuwerden“. Quelle: Pro Ehrenrunde: Schüler mögen Sitzenbleiben. Zur Schulzeitverkürzung auf G8 verweise ich ob der Vielzahl an Artikeln auf diesen sehr treffenden der FAZ: Abschied vom „Turbo-Abitur“Warum ist G8 gescheitert? Zu den Folgen von G8 äußere ich mich auch in diesen Posts.

D) die Abiturienten möglichst flächendeckend in niederschwellige, kurze Studiengänge bekommen, um sie schnell in die Erwerbsfähigkeit zu bringen.
Also Einführung des Bachelor/Master-Studiengangs –> Bachelor nach 3 Jahren heißt Studienabschluss mit 22. Angenehmer Begleiteffekt ist, dass der junge akademische Nachwuchs angesichts der deutschen überalterten Gesellschaft möglichst schnell in die Sozialkassen einzahlen kann. Das diese Entwicklung einen bedenklichen gesellschaftlichen Trend darstellt, umriss die FAZ unlängst in einem sehr lesenswerten Artikel: Debatte über Akademisierung. Müssen bald alle Menschen studieren? Auch die Arbeitgeber beschweren sich über die psychosoziale Unreife der G8 Abiturienten: Betriebe beklagen Unreife von G8-Abiturienten

Weiter ins Detail geht’s hier: Bildungsforscher Volker Ladenthin: “PISA gefährdet unser Bildungssystem” 229444_web_R_K_B_by_Stephanie Hofschlaeger_pixelio.de

All das haben wir in den letzten 14 Jahren erlebt. Es ist zum Einen das Produkt der radikal voranschreitenden Globalisierung, die allgegenwärtig mahnt, nicht den Wettbewerbsanschluss zu verlieren. Zum Anderen ist diese Entwicklung maßgeblich der Auslegung der PISA-Studie und weiteren Vergleichsstudien der OECD geschuldet. Doch wer ist es denn eigentlich, der uns da vermeintliche Bildungsziele diktiert?

Die OECD ist eine Vereinigung, die wirtschaftliche Interessen verfolgt und die Bildungsinhalte anhand ihres Marktwertes auswählt. Nun lassen wir uns also offiziell seitens wirtschaftlicher Interessenverbände diktieren, was in unseren Schulen wie zu laufen hat. Ein Ausverkauf von Bildung und Kultur zugunsten utilitaristischer Zweckorientieung und Effizienz.

Das ist Schule nicht! Sie ist ein Schutzraum, in dem Kreativität und pädagogische Freiheit gelebt werden sollten. Zu effizienten Funktionsmenschen werden viele unserer Schüler noch früh genug in der Arbeitswelt erzogen. In Schule wachsen Menschen emotional und sozial. Dazu braucht es Zeit, Raum, Flexibilität und Menschenfreundlichkeit. Warum wir uns weniger um PISA und andere OECD-Berichte sorgen sollten? Zum Einen gibt es Kritik an den Aufgabentypen sowie an den Teilbereichen, die dort abgeprüft wurden:

Das utilitaristische Bildungsziel von PISA (…) bewirke zunächst einmal eine Verzerrung der Testergebnisse zugunsten angelsächsischer Staaten und sodann einen Druck, Lehrpläne in Richtung auf unmittelbar alltagsrelevante Fertigkeiten anzupassen. Das bedrohe zum Beispiel die Spezifität des französischen Mathematikunterrichts, der großen Wert auf strenge Beweise legt. In diesem Zusammenhang wird auf die ökonomische Zielsetzung der OECD (…) hingewiesen. Ein ähnlicher Einwand lautet, dass PISA mit seinem Schwerpunkt auf den drei Bereichen Mathematik, Muttersprache und Naturwissenschaften die Marginalisierung der Gesellschaftswissenschaften, der Fremdsprachen und der musischen Fächer forciert. Auch im Bereich Deutsch wird die literarische Bildung ausgeklammert. Zentrale Bildungsbereiche wie sprachliches Ausdrucksvermögen, literarisches Wissen, historisches, geographisches, politisches und wirtschaftliches Wissen, religiöse und ethische Grundbildung, ästhetische Grundbildung, werden ausgeblendet. Quelle und Angaben zu weiterer PISA-Kritik: http://de.wikipedia.org/wiki/Kritik_an_den_PISA-Studien

Dann ist da das deutsche duale Ausbildungssystem von Schulen und Betrieben. Dieses speziell Deutsche System ermöglicht zahlreichen Jugendlichen die Berufsausbildung und den Einstieg in den Arbeitsmarkt. In den OECD-Studien wird dies jedoch nicht erfasst. Hier zählt die Rate der Studienanfänger. Hierzu: Duale Ausbildung: Ein deutsches Modell macht Schule.

Außerdem wird bemängelt, in Deutschland gebe es zu wenig Studienanfänger. Dass jedoch in anderen Ländern auch solche Berufe ein Studium einschließen, die in Deutschland Ausbildungsberufe sind, wird nicht berücksichtigt. Beispielsweise werden in England Hebammen und Krankenschwestern in universitären Studiengängen ausgebildet, die in etwa einem deutschen Fachhochschulstudium bzw. einer Ausbildung entsprechen. Dies verzerrt die Studienstatistik zu Ungunsten Deutschlands. Im Umkehrschluss: In anderen Ländern gibt es wesentlich mehr Studenten weil deutlich mehr Berufe in niederschwellige Studiengänge verpackt sind. (Dazu eine Presseerklärung des deutschen Lehrerverbandes: Lehrerverband kritisiert die OECD als „Höchst einseitig“ )

Auch die angeblich mangelnde Durchlässigkeit des deutschen Bildungssystems wird jüngst von Gegenstimmen widerlegt. Entgegen der Ergebnisse der OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“ von 2012, hat nun das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA), dem deutschen Schulwesen im internationalen Vergleich eine besonders hohe Durchlässigkeit attestiert. Hierzu: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/bildungsabschluss-keine-nachteile-durch-deutsches-schulsystem-12830162.html

Im Grunde stehen und standen wir doch gar nicht so schlecht da, bevor der Reformwahn die deutschen Schüler, Lehrer und Eltern aus ihrem vermeintlichen Dornröschenschlaf riss. Jetzt wird jedenfalls reformiert was das Zeug hält. Leistungssteigerung Ahoi! Aufstiegschancen Ahoi! Hurra, wir studieren! Und zwar auf der Treppe des Hörsaals kauernd, weil auf den Sitzbänken aufgrund des Doppeljahrgangs eh kein Platz mehr war. Und langsam, so ganz langsam können sich die Kultusministerien auf die Schulter klopfen. Wir holen auf. Deutschland schnitt in der jüngsten PISA-Erhebung schon etwas besser ab.

Na dann können wir ja beruhigt schlafen. Wir sind auf dem richtigen Kurs.

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3 Kommentare zu „Schule im Reformwahn. Wie die Bildungspolitik sich von wirtschaftlichen Interessen instrumentalisieren lässt… und sich dabei vormacht, das Beste für die Schüler zu tun.

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