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Warum G8-Studenten meinen alten Prof frustrieren…

Mein einstiger Prof für Erziehungswissenschaft, Volker Ladenthin, gibt sich heute die Ehre, in der FAZ seine eigene Studentenschaft der neuen G8-Generation nüchtern zu verreißen. Und zwar hier: Bildungsdefizite durch verkürzte Schulzeit. G8 wird die Studienzeit verlängern.“

Er bringt sehr differenziert das auf den Punkt, was wir in der Schule unter dem Begriff „mangelndes Abstraktionsvermögen“ zusammenfassen. Leider entspricht dies aktuell eher der Mehrheit der Gymnasiasten und wo Abituransprüche heruntergeschraubt werden wird das Eignungsproblem 1:1 an die Unis weitergereicht.

Es überrascht wenig, dass Ladenthin die akademische Lehre unter diesen Begleitumständen mittlerweile als sehr schwierig empfindet:

Die G8-Studierenden können Theorien, die in der Lehre sprachlich einfach dargestellt wurden, angemessen memorieren und reproduzieren. Die eigenständige Erschließung von Theorien aus einfachen wissenschaftlichen Texten (zum Beispiel von Karl Popper) hingegen fällt ihnen schwer. Wenn es um Thesen aus historischen oder syntaktisch komplexen Texten geht (Humboldt, aber auch Comenius), bedarf es erheblicher Verständnishilfen. Bei diesen Texten fällt auch die Wiedergabe des Gedankenganges in eigenen Worten schwer.

Die Studierenden sind kaum zu Abstraktionen fähig. Man muss in Beispielen sprechen – und diese werden dann gerne auf Beispielebene diskutiert. Allerdings gelingen dann Verallgemeinerungen kaum und der Transfer gar nicht. (…)

Das Problem von G8 sind (…) offensichtlich nicht fehlende Kenntnisse; vielmehr lässt sich ein entwicklungspsychologisches Problem feststellen: Auf Grund der kognitiven Entwicklung scheinen die Studierenden nicht in der Lage zu sein, komplexe, antinomische und multikausale Prozesse, wie sie heute in allen Wissenschaften üblicherweise formuliert werden, angemessen aufzunehmen.

Unter Rückgriff auf Theorien wie die Moralentwicklung nach Kohlberg (Da war doch was… tief unten in der Gedächtnisschublade „Erstes Staatsexamen“…) und konkrete Beispiele aus seinen Seminaren bringt Ladenthin in seinem Lamento sehr lesenswert auf den Punkt, was man als Lehrer bei einer Vielzahl von Schülern täglich frustriert zur Kenntnis nimmt:

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Die eigenständige Erschließung von Theorien aus einfachen wissenschaftlichen Texten fällt G8-Studierenden schwer. Wenn es um Thesen aus historischen oder syntaktisch komplexen Texten geht, bedarf es erheblicher Verständnishilfen.

Beim Diskurs über abstrakte Themen regiert die Beliebigkeit und das naive aber vollkommen überzeugte Verharren in banalen Beobachtungen aus dem unmittelbaren eigenen Erleben. Und das beschränkt sich, das erkennt auch mein alter Prof, bei all zu vielen jungen Studenten auf Mama, Papa, Freunde und Medien.

Man lernt weil man es halt muss und wenn man dazu herausgefordert wird, Dinge mehr als nur oberflächlich zu beleuchten, wird dies meist als nervige Behelligung empfunden. Abgesehen davon, dass die Mehrzahl von Schülern und Studenten auch gar nicht weiß wie das geht, „in die Tiefe eines Stoffes zu gehen“.

Sich kritisch und Abstrakt mit Gegenständen auseinanderzusetzen und anzuerkennen, dass auch in den Geisteswissenschaften nicht jede Antwort persönliche Ermessenssache ist, fällt schwer.

Mein Gleichnis zur Rückgabe der Klausuren eines Oberstufenkurses passt dazu:
„Wenn ihr euch den Klausurtext als einen See vorstellt, den ihr als Taucher mit Sauerstoffflaschen und Taschenlampe erkunden sollt, dann lauft ihr stattdessen drüber wie Jesus.“

Doch Ladenthin zieht aus seinen Beobachtungen einen Schluss, den ich so nicht teile:

Es fehlen Fähigkeit und Bereitschaft, Vorgänge streng aspektgebunden oder multiperspektivisch zu betrachten. Die Entwicklung zu diesen Fähigkeiten wird vermutlich im weiteren Verlauf des Studiums einsetzen und voraussichtlich zu verlängerten Studienzeiten führen – schon allein, um Abschlussarbeiten auf dem Niveau schreiben zu können, das den wissenschaftlichen Standards entspricht.

Ich glaube nicht, dass sich die Studienzeiten verlängern werden. Stattdessen vermute ich, dass in Zukunft große Abstriche bei den Standards von Abschlussarbeiten gemacht werden. Die Universitäten werden über kurz oder lang einknicken (müssen) und Abschlüsse leichtfertiger vergeben.

Dies würde dem allgemeinen Trend zur Verkürzung der verbrachten Lebenszeit in Bildungsinstitutionen und zur inhaltlichen „Entschlackung“ und „Verschmälerung“ entsprechen, der eine hohe Anzahl billiger junger Bachelor-Absolventen hervorbringt, die mit Minimalgehältern und befristeten Stellen in der freien Wirtschaft verbrannt werden können.  Dazu schreibe ich hier ausführlich: Geld regiert die Schulwelt. Wem nutzen Dumping-Abitur, G8 und Bachelor/Master Studiengang wirklich?

Aber ansonsten sind Volker und ich uns meistens grün. Z.B. beim Thema PISA (ist ja eins meiner Reizthemen…). Über Homeschooling denke ich noch nach…

Dazu: Bildungsforscher Volker Ladenthin: “PISA gefährdet unser Bildungssystem”

Und: Pädagogik-Professor Volker Ladenthin fordert die Legalisierung des Hausunterrichts

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7 Kommentare zu „Warum G8-Studenten meinen alten Prof frustrieren…

  1. >Ich glaube nicht, dass sich die Studienzeiten verlängern werden. Stattdessen vermute ich, dass in Zukunft große Abstriche bei den Standards von Abschlussarbeiten gemacht werden.

    Sehe ich auch so, ja. Den schönen Ladenthin-Text hebe ich auf, kann ich mal mit Schülern machen…

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  2. Wer auch immer von studentischen Bildungsdefiziten früherer G8-Schüler enttäuscht oder gar frustriert sein sollte: Halten wir bitte noch einmal ganz ausdrücklich fest, dass alleine wir, die Generation an den Schalthebeln der Macht diese Misere zu verantworten hat – mitnichten die jungen Leute selber.

    Mal ehrlich, wer wollte allen Ernstes den durch ihre Schulzeit Gehetzten die grandios missratene Schulpolitik der Silberschöpfe zum Vorwurf machen?

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