Kündigung des Lehrberufs · Lehrerbelastung · Leistungsdruck · Schulalltag · Schulsystem

Die „Kündigung“ als verbeamteter Lehrer – so war’s bei mir! Der Antrag auf Entlassung aus dem Dienst und seine Folgen

Kündigen LIKE A BOSS! In meiner Phantasie hatte ich mir das Gespräch X mit meiner Schulleitung so vorgestellt, wie im vorliegenden Video. Ich hatte mir auch schon überlegt, welche Kollegen den Background-Chor bilden würden 😀 Es war dann doch etwas weniger theatralisch – aber mindestens genau so Aufsehen erregend! 😉

In der langen Phase der Entscheidung, ob ich tatsächlich als verbeamteter Lehrer einen Schlussstrich ziehen soll, hätte ich mir ein wenig mehr Infos über das ganze Drum und Dran gewünscht. Man will ja schließlich harte Fakten, um abzuwägen, ob man diesen Schritt wirklich gehen soll. Und wenn man denn nun will, wie genau geht das eigentlich?

Aber was bietet einem das Netz zu dem Thema? Gähnende Leere! Das Thema ist quasi nicht vorhanden. Man könnte fast meinen, alle Lehrer seinen glücklich und trügen sich nie mit Ausstiegsgedanken, wenn man die Repräsentation von Lehrer-Kündigungen im Netz so sieht. Faktisch findet man nur in einigen Referendarsforen verwaiste Threads, in denen sich wenige Aussteiger zu Wort melden. Man muss sich also daraus was zusammenreimen und nährt damit weiter die eigene Unsicherheit und Handlungsunfähigkeit.

Auch das Arbeitsamt, an das ich zu erst gedacht hatte, ist im Fall „verbeamteter Lehrer möchte ein Beratungsgespräch bzgl. Alternativen“ alles andere als eine Hilfe. Tatsächlich erntet man dort ungläubige/missbilligende/mitleidige Blicke. Solche Leute sind da schlichtweg nicht vorgesehen. Bis ich da erst mal einen Termin hatte, fand eine Menge Fehlkommunikation seitens des Arbeitsamtes statt, die keine Buchungsmöglichkeit dafür im Computer haben, dass jemand sich dort trotz laufender Anstellung (ach, was sag ich, LEBENSZEITVERBEAMTUNG) beraten lässt…

Meine Beraterin war sehr abgeklärt und hat mich knallhart damit konfrontiert, dass einen Geisteswissenschaftler wie mich keiner auf dem Arbeitsmarkt brauche. Ich solle mal die Publikation vom Bonner Wissenschaftsladen lesen, da könne ich sehen, dass die Alternativen für mich mau sind. Fazit: Sie riet mir dazu, Lehrer zu bleiben und ne ruhige Kugel zu schieben.
Hervorragend! 😛


Hilft alles nix. Darum habe ich mich über alle meine Fragen im ausgiebigen Telefonat mit der Rechtsabteilung der Lehrergewerkschaft meines Vertrauens schlau gemacht. Nach 7 Jahren Beitragszahlungen ist die Mitgliedschaft also endlich mal für was gut, die ich mir als blauäugiger Referendar habe aufschwatzen lassen ^^ Außerdem wurde mir als Reaktion auf meinen schriftlichen „Antrag auf Entlassung aus dem Dienst“ (Kündigung gibt es ja bei Beamten nicht) ein doppelseitiger Bogen mit rechtlichen Aufklärungen zugeschickt, von denen man sich die meisten mit klarem Menschenverstand ohnehin schon denken konnte.

Hier nun also meine Fragen an die Rechtsabteilung plus die Notizen, die ich mir im Anschluss an das Telefonat gemacht habe. Angaben natürlich ohne Gewähr:

1) Vielleicht doch erst mal Beurlaubung statt kündigen? Unter welchen Umständen kann ich mich beurlauben lassen?

Voraussetzungslose Beurlaubung kann abgelehnt werden und wird sie in der Regel auch, wenn nicht triftige Gründe vorliegen. (Interessant wäre, was genau „triftig“ genug ist.) Alles über 6 Monate muss von höchster ministerialer Stelle bewilligt werden.

1.1) Wie lange ist eine Beurlaubung in Folge möglich?

Im Gegensatz zur voraussetzungslosen Beurlaubung sieht es bei familiären Gründen (Nachwuchs, familiärer Pflegefall) anders aus. Hier wird mehr bewilligt. Nach Elternzeit hat man Rechtsanspruch auf 3 Jahre Erziehungsurlaub. Dies kann auf Antrag nach §71 (Beurlaubung aus familiären Gründen) auf bis zu 12 Jahre insgesamt ausgeweitet werden. In der Regel wird dem stattgegeben. Muss nicht jährlich neu beantragt werden. Der Zeitraum kann schon gleich zu Anfang angegeben werden.

Für Lehrer, die ohnehin in der Kinderwunschphase sind, bietet sich also die dauerhafte Beurlaubung nach Elternzeit schon irgendwie an… Was ist allerdings, wenn man dann nach vielen Jahren wieder in den Beruf einsteigt und dann doch wieder nach 5 Jahren das Handtuch schmeißen will? Richtig, dann hat man einen riesigen Verlust in der Altersvorsorge – aber dazu später mehr.

1.2) In welchem Umfang darf ich bei Beurlaubung anderweitig arbeiten?

Arbeiten darf ich in dieser Zeit in einem Umfang, der „den Gründen meiner Beurlaubung nicht entgegen steht“. Eine volle Stelle bei Arbeitgeber XY im Erziehungsurlaub ist z.B. nicht im Sinne der Erziehung und des Dienstherren. Dies wird in der Regel nicht bewilligt. Der Umfang etwa einer halben Stelle (15 Wochenstunden) wird in der Regel bewilligt. Mehr aber auch nicht. Mit den bewilligten Stunden wird also restriktiv umgegangen.
Faktisch habe ich bei reduzierter Stelle zunächst im Jahr vor meinem Ausstieg einen Antrag auf eine Nebentätigkeit gestellt. Mir wurden 4 Wochenstunden bewilligt. Bei voller Stelle werden übrigens bis zu 8 Wochenstunden Nebentätigkeit bewilligt. Verkehrte Welt…!

Während der Beurlaubung hat man übrigens auch keinen Beihilfeanspruch mehr und zahlt daher die Krankenversicherung zu 100%.

Kleiner Exkurs: Thema Krankenversicherung (weil ich das so oft gefragt werde)

Wenn man aussteigt richtet sich die Versicherung danach, wie das Beschäftigungsverhältnis dann ist. Bei Anstellung muss man raus aus der Privaten und sich pflichtversichert (zusätzlich kann man dauerhaft eine kleine Rate für die Stilllegung des privaten Vertrages zahlen, damit man irgendwann wieder ohne Gesundheitsprüfung rein kann.) Macht man sich selbständig, so kann man sich entweder freiwillig gesetzlich versichern oder bleibt eben in seiner Privaten. Also man verhandelt neu mit den Kassen-Heinis und bleibt dann entweder im alten Tarif, den man jetzt zu 100% zahlt, oder lässt sich ein neues Angebot für nen anderen Tarif machen.

Vorsicht, ist man einmal 55 Jahre alt und privat versichert, dann steckt man darin bis zum jüngsten Tag fest und zahlt im alter horrende Beiträge. Vor 55 kann man noch in die gesetzliche wechseln.

Hybrid-Variante: sich gesetzlich versichern (Pflicht oder freiwillig, je nach Beschäftigung) und sich über die Private zusatzversichern lassen – Zähne, Krankenhaus, whatever. Bei den Zusatzversicherungen muss man dann auch keine neue Gesundheitsprüfung machen, da man die Private ja im Endeffekt jetzt weniger kostet.

2) Kündigung: Wann/wie möglich?

Jederzeit möglich. Es heißt bei Beamten aber nicht Kündigung, sondern „Beantragung der Entlassung aus dem Dienst.“ Dem wird immer stattgegeben. Man kann zu einem beliebigen Datum kündigen. 3 Monate Kündigungsfrist bestehen jedoch, damit der Dienstherr umdisponieren kann.
In der Praxis ist das alles Sache der Absprache mit der Schulleitung. Die können einen früher gehen lassen oder später, so wie sie einen eben ersetzen können. Sie dürfen es aber eigentlich nicht länger als 3 Monate herauszögern. Man kann nach Ausscheiden aus dem Dienst noch für Arbeiten herangezogen werden, die im Nachhinein anfallen. Ich frage mich, was das ist… Vielleicht Orga/Korrekturen/Nachprüfungen, die noch nach dem Ausstieg anfallen und einen unmittelbar betreffen?

3) Was passiert mit meinen Pensionsansprüchen?

Man wird vom LBV bei der Deutschen Rentenversicherung nachversichert (Beim LBV nachlesbar). Allerdings wird nur der Arbeitgeberanteil übertragen, dies bedeutet einen Verlust von etwa 50% der ursprünglichen aufgebauten Ansprüche. Ja, ihr lest leider richtig…

Die Nachversicherung kann bis zu 2 Jahren aufgeschoben werden. Dies ermöglicht, noch mal in ein Beamtenverhältnis einzusteigen und die bisher erworbenen Pensionsanspüche übertragen zu bekommen. Man bekommt bei Kündigung ein Formular zugeschickt, in dem man ein entsprechendes Kreuzchen setzen muss.

Als Bundesbeamter hat man es übrigens besser als als Landesbeamter. Die bekommen dank eines neuen Gesetzes von 2013, das die „Gerechtigkeitslücke schließen soll“, die volle Summe nachversichert. Uff! (Voraussetzung sind mindestens 7 Dienstjahre.) Dazu weiterlesen HIER. In manchen Bundesländern gibt es offenbar für Landesbeamte nach 7 Jahren Dienstzeit einen Anspruch auf Ruhegeld/Altersgeld (z.B. in Rheinland Pfalz), das sollte man abchecken und gleich bei der Kündigung mit erwähnen. In meinem Bundesland NRW ist aber bisher Fehlanzeige.

Fazit: So oder so ist die Rente Peanuts. Man muss sich darauf einstellen, ordentlich in private Altersvorsorge zu investieren. Je nachdem, wie alt man ist, ist das ja auch kein Beinbruch. Da hat man noch viele Jahre zum Aufholen. Ab einem gewissen Alter bedeutet der Ausstieg aber wirklich ein Altersvorsorge-Desaster. Da bleibt es dann abzuschätzen, ob man sich noch irgendwie bis zur Pension durchhangeln kann, man von Krankschreibung zu Krankschreibung lebt, oder noch ein anderweitiger Geldsegen unter der Matratze wartet und man deshalb weich fällt. Meine Devise: wenn die Entscheidung zum Ausstieg einmal steht, dann je früher je besser und die Entscheidung nicht noch Jahre verschleppen.

4) Kann ich neu / in einem anderen Berufszweig verbeamtet werden?

Ja!! Wenn ich die Ansprüche für die Verbeamtung weiterhin erfülle (Alter, Gesundheitsprüfung beim Amtsarzt, Polizeiliches Führungszeugnis). Der Mythos, dass der Staat bei freiwilligem Ausscheiden aus dem Beamtentum „nachtragend“ ist, und man nicht neu verbeamtet wird, hält sich zwar hartnäckig, ist aber Nonsens.

5) Kann ich beantragen, innerhalb meiner bestehenden Verbeamtung für andere Zwecke eingesetzt zu werden, z.B. in der Schulaufsicht? Oder läuft das nur unter Berufsunfähigkeit?

Absolut unwahrscheinlich, dass das bewilligt wird! Man hat ja schon Schwierigkeiten, die dauerhaft Erkrankten anderweitig einzusetzen weil in der Schulaufsicht so wenige Stellen sind.

6) Darf ich noch als Lehrer tätig sein?

Natürlich! Egal ob ich mich auf eine Vertragsstelle oder Beamtenstelle bewerbe, beides geht.


Und wie war es nun bei mir selbst mit der Kündigung? So vom Ablauf her?

Ich habe in den Weihnachtsferien den endgültigen Entschluss getroffen und nach ein paar Tagen schon eine Mail an die Schulleitung geschrieben, dass ich nach den Ferien meine Entlassung beantrage. Auch mein Wunsch-Ausstiegsdatum (Osterferien) gab ich bereits an.

Darauf folgte ein Personalgespräch am ersten Schultag, an dem ich meine Gründe darlegte. Wir einigten uns dann auf ein Ausstiegsdatum (das leider einen Monat hinter meinem Wunschdatum lag).

Ich schrieb daraufhin meinen formlosen Antrag auf Entlassung, der von der Schulleitung an die Bezirksregierung weitergeleitet wurde. (Als Adresse gab ich mal das Dezernat und die Person an, die sonst alle meine Belange geregelt hatte.)

Dann kam erst mal lange nichts. Ich hatte im Netz gelesen, dass man nach Absenden der Kündigung noch 2 Wochen Zeit hat, um wieder zurückzuziehen. Dazu weiter unten mehr. Auch hatte ich eine Kündigungsbestätigung in schriftlicher Form erwartet. Kam aber nichts.

Daraufhin telefonierte ich mit dem zuständigen Personalrat. Der versuchte erst mal eingehend, mich auf der Zielgerade noch zu bekehren, versprach aber dann, nachzuschauen, ob mein Schreiben eingegangen sei und mir entsprechend zu mailen. Eine offizielle schriftliche Bestätigung sei nämlich für so was nicht vorgesehen (!?!)

Eine Woche später erhielt ich ein Einschreiben der Bezirksregierung, in der ich eingehend darüber aufgeklärt wurde, dass meine Pensionsansprüche zum Teil flöten gehen (bzw. ich anteilig nachversichert werde) und dass ich KEIN BEAMTER mehr bin, wenn ich die Verbeamtung kündige… Oh la la! Ich hätte jetzt 14 Tage Bedenkzeit (aha, da sind sie, die zwei Wochen Zeit zum Rückzug), und wenn ich mich dann nicht gemeldet habe, sei meine Entlassung rechtskräftig. – Gesagt, getan, bzw. eben nicht getan 😉 –> nicht gemeldet. Da wird einem dann doch etwas mulmig…

Nach etwa 2-3 Wochen flatterte dann auch schon meine Entlassungsurkunde per Einschreiben in die Schule. Ich hatte mir das etwas glamouröser vorgestellt, aber das Schreiben ist ebenso schlicht (nichtssagend ?) wie die Verbeamtungsurkunde und wurde mir auch nicht von der Schulleitung ausgehändigt, sondern wortlos ins Fach gelegt. Ein Punkt mehr auf dem Charakterschwäche-Konto meiner Schulleitung… Ich musste den Erhalt quittieren und das beigelegte Formular zurücksenden.

Eine Woche vor den Osterferien habe ich es dann meinen Klassen persönlich mitgeteilt. Im Lehrerzimmer war das schon seit Wochen der Dauerbrenner… Das war eigentlich der Schritt, der mir am schwersten fiel, es den Schülern persönlich zu sagen. Es kullerten viele Tränen in den Stunden 😦 Den Eltern habe ich es per Rundmail geschrieben und daraufhin viele traurige aber durchweg sehr nette Antworten erhalten.

Aktuell habe ich noch 9 Schultage vor mir… Ob ich mich freue, fragen mich die Kollegen täglich, und ob ich danach ab und zu mal zu Besuch käme. Klar, beides! Ich freu mich schon drauf, das ganze als Außenstehender aus neutralerer Position besuchen zu können.

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131 Kommentare zu „Die „Kündigung“ als verbeamteter Lehrer – so war’s bei mir! Der Antrag auf Entlassung aus dem Dienst und seine Folgen

  1. Vielen lieben Dank für die ermunternden Worte. Innerlich habe ich schon vor vielen Jahren mit meinem Beamtendasein abgeschlossen aber bisher hat mir entweder der Mut gefehlt oder ich habe mich beeinflussen lasden, von meinem Mann, Freunden und Kollegen. Mein Mann ist auch Bundesbamter und er sieht in dem Ausstieg nur Nachteile. Seine Bedrnken äußern sich im Bezug auf die private Krankenversicherung und auf die spätere Rente. Ich sehe das überhaupt nicht so wie er, weil ich glaube dass allein die Arbeit mich oft krank macht oder gemacht hat. Leider haben gerade Ehepartner ( jedenfalls mein Mann) ein großes Problem damit..Wie sieht es hier so bei anderen in dieser Beziehung aus? Sind bei allen die Partner damit einverstanden?

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    1. Hey Mona,
      ich glaube, dass ein unterstützendes Umfeld sehr sehr wichtig ist. Nicht alle müssen natürlich gleich „Hurra“ schreien – das steht ihnen zu. Bei vielen ist es ja auch so, dass sie zumindest in der Übergangszeit dann auf einmal ein viel höheres Risiko tragen, wie wenn der Ehepartner ein schönes Beamtengehalt nach Hause bringt. Zweifel sind da natürlich schon erlaubt.
      Ich habe mit meiner Frau etliche Gespräche zu dem Thema geführt und inzwischen ist sie mein stärkster Rückhalt.
      Was so Familie und Eltern angeht, glaube ich, dass sie uns halt einfach in Sicherheit wissen wollen. Und da herrscht bei vielen halt noch die Denke eines „vernünftigen Berufs“ vor.

      In deinem anderem Kommentar hast du ja damals geschrieben, dass du dich bereits auf den Weg gemacht hast. Daumen hoch!

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  2. Hallo zusammen,

    ich werde nächste Woche auf eigenen Wunsch aus dem Beamtenverhältnis entlassen.
    Mir hat dieser Bericht damals auch sehr geholfen, als ich anfing mit dem Gedanken zu spielen, die Verbeamtung aufzugeben. Jetzt habe ich es getan! Und es fühlt sich gut an.

    Ich bin 31, Sonderpädagogin und wäre Ende August dieses Jahres auf Lebenszeit verbeamtet worden. Mit der festen Stelle an einer inklusiven Gesamtschule, die ich Ende 2015 freiwillig und guten Mutes angetreten habe, war ich ziemlich schnell unglücklich, frustriert bin hin zu verzweifelt und „Ich gehe nicht mehr hin“. Im Frühling 2016 habe ich mich dann beim Personalrat beraten lassen, was für Möglichkeiten ich habe. Im Dezember habe ich einen Versetzungsantrag gestellt, der aber (wie erwartet) nicht bewilligt wurde, auch der Direkttausch mit einem Kollegen „meiner“ alten Förderschule, an die ich gerne zurückwollte, hat nicht geklappt.

    Da fing der Gedanke der Entlassung aus der Verbeamtung an, immer größer zu werden. Noch weitere 4 Jahre, bis 2021, zu warten, bis mein Versetzungsantrag nicht mehr abgelehnt werden kann, konnte ich mir nicht vorstellen zu warten. Und was, wenn ich mit 50 das Gefühl habe, ich möchte nicht mehr als Lehrer arbeiten, etwas anderes machen, dann wäre es für den Ausstieg (aus finanzieller Sicht) wohl zu spät…

    Ich habe begonnen, noch eher „spaßig“ nach Stellenangboten von privaten Ersatzschulen geschaut. Da hatte die Montessorischule eine Stelle für Sonderpädagogen ausgeschrieben, auf die ich mich – immer noch nicht sicher, wie ernst ich das meine – beworben, dort hospitiert, mich im Gespräch vorgestellt und dann die Zusage bekommen habe.
    Es gefiel mir dort sehr gut, vor allem die Stimmung, die Atmosphäre, der Umgang miteinander – es fühlte sich an wie nach Hause kommen, und es herrschte eine Atmosphäre und Haltung, die ich sonst eher von Förderschulen kenne, allerdings kombiniert mit Inklusion, d.h. der gesamten Bandbreite von Schülern und Fähigkeiten.

    Zuerst habe ich so viele Infos wie möglich über die Schule gesucht, Internetbewertungen gelesen, mit Eltern und Kollegen von dort telefoniert…
    Dann habe ich mich ausfühlrlich mit dem Folgen des Ausstiegs aus dem Beamtentum beschäftigt.
    Ich habe mir Infos vom Personalrat, der Bezirksregierung und einem Anwalt geholt; gerechnet, was ich an Rente bekommen und jeden Monat an Geld rausbekommen würde, auch im Hinblick auf eine Teilzeitbeschäftigung, wenn die Familienplanung fortschreitet. Man braucht dann eine Berufsunfähigkeitsversicherung, eine private Altersvorsorge und evtl. Zusatzversicherungen zur gesetzlichen KV – alles Dinge, mit denne ich mich bislang nicht befasst hatte, schlicht weil man sich darüber als Beamter keine Gedanken machen muss.

    Zum ersten Mal wurde mir in aller Deutlichkeit bewusst, welche Privilegien man als Beamter hat:
    Hohes Gehalt, hohe Pensionsansprüche, private Altersvorsorge nicht dringend nötig, die private Krankenversicherung, außer in den erstn 5 Jahren keine Dienstunfähigkeitsversicherung nötig, Unkündbarkeit, die Möglichkeit, problemlos von Voll- auf Teilzeit und vor allem später wieder auf Vollzeit zu wechseln… Wow! Irgendwie hatte ich mir das vorher nie so klar bewusst gemacht.

    Trotzdem habe ich mich nach Wochen voller Nachdenke, Grübeln, mit anderen Reden, … entschieden. Es war sicher keine rationale Entscheidung, sondern eine emotionale: Ich wollte wieder gerne zur Arbeit gehen und in einem Umfeld arbeiten, dessen pädagogische Haltung meiner entspricht und bei der ich das Gefühl habe, hier könnte ich die nächsten vielen Jahre arbeiten. Wo es ein Anliegen der Schule ist, sich (auch in Bezug auf Inklusion) weiterzuentwickeln und Dinge zu verändern, weil sie ein Wirtschaftsbetrieb ist. Wo die Kollegen Spaß an ihrer Arbeit haben und wo auch die Schüler gerne hingehen!

    Seit dieser Entscheidung geht es mir gut.

    Ich habe also den Entlassungsantrag an meinen Sachbearbeiter bei der Bezirksregierung gestellt. Vor ein paar Tagen habe ich meine Entlassungsurkunde erhalten und werde ab nächste Woche an der neuen Schule arbeiten. Ich freue mich drauf.

    Natürlich weiß ich nicht, was ich in einigen Monaten oder Jahren denke, aber im Moment fühlt es sich an wie die richtige Entscheidung. In einigen Jahren hätte ich diese Entscheidung im Hinblick auf finanzielle Nachteile allerdings vermutlich nicht mehr treffen (können).
    Vom Personalrat weiß ich, dass es mindestens noch eine weitere Sonderpäddagogin gibt, die in diesem Jahr ebenfalls ihre Verbeamtung aufgegeben hat. An meiner neuen Schule arbeiten drei Kolleginnen, die schon vor Jahren ihre Verbeamtung an den Nagel gehängt haben. Alle drei haben gesagt, sie bereuen es bisher überhaupt nicht.

    Vielleicht ermutigt mein Bericht jemanden, der darüber nachdenk, auszusteigen. Es gibt gar nicht so wenige Menschen, die es getan haben (ich habe nun bereits 5 kennengelernt), nur schreiben die oft nicht in solchen Foren. Das ist schade.

    Viele Grüße

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    1. Hey Susanne,
      wow, danke für den ausführlichen Bericht! Klingt super! Ich gratuliere zu deinem Mut und freue mich, dass du andere an deiner Geschichte Teil haben lässt 🙂
      Alles alles gute für den neuen Start nach den Ferien!!

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    2. Hallo Susanne,
      dein Bericht ermutigt durchaus.
      Ich trage die gleichen, schweren Gedanken, wie du. Die öffentliche Schule ist schrecklich.

      Wie ist der Einstieg gelungen?
      Wie viel verdienst du netto weniger?

      Viele Grüße
      Ian

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  3. …an Mona und andere noch als Nachtrag:
    Mein Partner hat mich von Anfang an unterstützt, in dieser Hinsicht hatte ich Glück. Auch Freunde, Kollegen und Verwandte waren nur teilweise skeptisch, alle haben mich aber haben mich immer unterstützt. Interessanterweise waren es die verbeamteten Freunde, die die größten Bedenken hatten.
    Natürlich habe ich noch relativ „leicht Reden“, da ich noch nicht lange verbeamtet war und daher der finanzielle „Rückschritt“ nicht so wehtut und mir vor allem im Hinblick auf die Rente noch nicht so viel verloren gegangen ist.
    Trotzdem denke ich, wenn man ausrechnet, dass es irgendwie machbar ist auch im Alter, dann kann es sehr sehr lohnen, sich zu trauen!

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  4. Hallo Ihr,

    auch aus mein Ausstiegsgedanke wird immer konkreter. Leider drehe ich mich im Kreis, und ich kann nur die Worte hier bestätigen, wie nervenzehrend diese Zeit ist. Trotzdem versuche ich mich immer wieder, mich nach vorne zu orientieren. Schulauslandsdienst kommt für mich aus familiären Gründen nicht in Frage. Weiß jemand von euch, ob es in Rheinland Pfalz einen Anspruch auf Altersgeld gibt, bzw. oder man es einklagen kann? Das Unterrichten ist nicht der Grund für den Ausstieg, ich bekomme nach wie vor gutes feedback von meinen Schülern. Dennoch habe ich dieses Gefühl einer entmündigten Staatssklavin satt. Meine Versetzungsanträge -auch bei Vorliegen familiärer Gründe – finden keine Berücksichtigung. Oder es wird mir eine Lehrerstelle für Fächer angeboten, für die ich null qualifiziert bin, nur um eigene Löcher zu stopfen. Ich bin auch der Meinung, dass bei dieser Knebelei der Lohn überhaupt nicht gerechtfertigt ist, gerade bei Teilzeitbeschäftigung lohnt sich das finanziell null. Seit Jahren schon die Konflikte mit der Schulbehörde – da muss man so gut auf sich aufpassen, dass es nicht zermürbt. Dazudas Unverständnis von der Familie, Freunden … Deswegen bin ich dankbar für den Austausch unter Gleichgesinnten. Der finale Schritt fehlt noch, ich brauche noch mehr Klarheit über berufliche Neuorientierung. Ich bin Biologin, habe eine Yogalehrer-Ausbildung. Mein Weg wird wohl über eine Beurlaubung gehen. Nur gibt es diese Klausel, dass man in einer Beurlaubung keine Selbstständigkeit ausüben darf… und damit bin ich wieder mitten im Kreis 😉 Bin gespannt, wie es weitergeht…. immer schön den Kopf oben halten – hoffentlich gelingt mir das. Ich habe auch schon mal überlegt, Suchmaschinen z aktivieren – hat jemand von euch Erfahrung damit?

    Viel Glück und Erfolg!!!

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    1. Hallo geotikal,
      in RLP gibt es leider keinen Anspruch auf Altersgeld. Und einklagen kannst du das auch nicht, weil die Beamtenversorgung ja nun mal Länder- bzw. Dienstherrensache ist und das alle daher individuell regeln können. Vielleicht tut sich da aber ja in Zukunft noch was.
      Ich als Bundesbeamter profitiere z.B. von der Altersgeldregelung. Ich habe aber überhaupt erst davon erfahren, als die Entscheidung zu „kündigen“ schon gefallen war. Sie war also nicht ausschlaggebend.
      Ich kenne den von dir beschriebenen nervenaufreibenden Teufelskreis gut und auch die Probleme mit Selbstständigkeit und Nebentätigkeit und diesem Zeug. Ich habe daher den harten Weg gewählt und „gekündigt“.
      Ich wünsche dir viel Erfolg auf deinem weiteren Weg!

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      1. Lieben Dank, Moritz.
        Im Moment bin ich noch in nervenaufreibenden Gesprächen wegen Versetzung … Meine Zahnärztin meinte, ich würde bei einem Berufswechsel nie mehr einen solchen Lebensstandard erreichen. Irritiert mich irgendwie, die Aussage. Zielt wohl auf die Pension ab – wenn ich unsere Einkünfte so vergleiche ;). Toll – Dein Beitrag zum Drama-Dreieck. Ich sehe mich nicht als Opfer – ich spreche für mich … scheinbar gegen Wände. In welche berufliche Richtung hat es Dich gezogen, und wie alt warst Du bei der Kündigung?

        Alles Gute,

        Anna

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      2. Hey Anna/Geotikal,
        klasse Steilvorlage von deiner Zahnärztin. Drei Punkte dazu:
        1) Sie meint bestimmt den rein materiellen Lebensstandard. Aber selbst wenn es so sein sollte, dass du diesen „nie mehr erreichst“ – was ist dann wichtiger? Zufriedenheit oder materieller Lebensstandard? Die Frage darf jeder gerne selbst beanworten.
        2) Ich hab mal irgendwo einen interessanten Artikel gelesen, dass gerade Zahnärzte sehr hohen Frust und Arbeitsunzufriedenheit schieben und die Burn-out Rate im Vergleich sehr hoch ist. Trotz Lebensstandard (muss auf deine Zahnärztin natürlich überhaupt nicht zutreffen)
        3) Was mich generell stört, ist die Denke, dass nach der „Kündigung“ als Beamter automatisch der finanzielle Abstieg kommt. Wie wenn dann nur noch Idioten-Jobs warten würden. Ich kenne einen Ex-Polizisten, der ist heute Mediator und Inhouse-Coach bei nem großen Baufinanzierer (verdient deutlich mehr). Ich kenne nen Ex-Polizisten, der ist heute Leiter der Konzernsicherheit, bei einem großen Süßwarenkonzern (auch deutlich mehr). Es gibt Lehrer, die werden Ministerpräsidenten (auch mehr). Und garantiert, findest du auch einen Ex-Lehrer, der heute Self-made-Millionär ist. Klar kann man das nicht pauschalisieren. Aber anders herum (alle arm / Altersrmut usw) eben auch nicht. Es kommt auf jeden selbst an.

        Generell finde ich einfach, dass viel zu oft nur die rationalen Gründe bemüht werden und nicht die emotionalen. Wie auch schon Susanne in ihrem tollen Beitrag vom 17.08. schreibt: Eine Kündigung ist meist keine rationale Entscheidung, sondern eine emotionale.

        In meinem neuen Artikel habe ich versucht, genau das herauszuarbeiten. Es gibt vollkommen unterschiedliche Perspektiven auf diese Thematik. Und die eine ist nicht schlechter als die andere.

        http://montagsfieber.de/muessen-wir-jetzt-alle-kuendigen-i-vier-perspektiven/

        Ich bin 34 Jahre alt.
        LG Moritz

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  5. Vielen Dank, Moritz Aly – für die Infos und Glückwünsche.
    Ich wünsche Dir auch weiterhin viel Erfolg. Vielleicht magst Du uns mehr von Deiner Beruflichen Neuorientierung berichten. Mich interessiert auch, in welchem Alter Du dem Beamtendienst den Rücken gekehrt hast.

    Übrigens, sehr toll, Dein Drama-Beitrag. 🙂

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  6. Hallo zusammen,
    ich bin 32 Jahre, an einer inklusiven Schule (Sekundarschule) in NRW tätig. Die Schule ist ein großen Chaos, der Schulleiter nicht fähig und zu guter Letzt wurde ich vergangene Woche noch bedroht (ein Schüler hat mir indirekt angedroht, mich zu schlagen). Die Schulleitung reagiert bei diesem Schüler nicht so, wie es mir damit gut ginge. Ich möchte aber dringend von der Schule weg. Leider bediene ich dort ein Mangelfach, dort will niemand hin und ich bin noch in der Probezeit- d.h. das der Personalrat mir wahrscheinlich schon sagen wird, dass da wenig bis keine Chance einer Versetzung besteht. Gerne würde ich auch einfach als Grund anbringen, dass mich diese Schule im wahrsten Sinne „krank“ macht. Nur ist das wahrscheinlich auch kein Grund für eine Versetzung. Habt ihr damit schon zu tun gehabt?
    Ich habe mich auch an einer Montessori-Schule beworben, nur leider noch kein Feedback bekommen. Ich bin hin und her gerissen, aber ich sehe das auch wie ihr.
    Aber Angst habe ich auch und ich bin schon lange auf der Suche nach Hilfe …

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    1. Guten Morgen, das ist bedauerlich – aber an die Schule bzw. die Personen dort gebunden. Deswegen die Verbeamtung aufzugeben, wenn es an einer anderen Schule deutlich besser laufen könnte, mmmh (?). Ich würde den Weg über die Gewerkschaft, den offiziellen Dienstweg Richtung Anfrage beim Schulamt zwecks Schulwechsel aufgrund der Bedrohung und evtl. über ein ärztliches / psychologisches Gutachten gehen, wobei Letzteres Auswirkungen auf weitere Stellen haben dürfte. Alles Gute !

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