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10 Dinge, die ich an Schule vermisse, seit ich als Lehrer gekündigt habe

Heute bin ich seit 10 Monaten nicht mehr als Studienrätin an einem NRW-Gymnasium tätig. Ich bin mehr als zufrieden mit meinem Ausstieg, doch es gibt durchaus Dinge, die ich seitdem vermisse. Hier eine kleine Liste:

  • 1: Die Solidarität im Kollegium. Nette Gespräche, Teilen von Freude, Ärger und Trauer. Immer ein offenes Ohr und eine Umarmung.
  • 2: Die schrägen, liebenswerten Typen im Lehrerzimmer, und was sie zu bieten haben. Einige Lehrer erscheinen auf den ersten Blick kauzig, was sich bei näherem Kontakt jedoch als Genialität entpuppt. Es gibt so weise, lustige, herzliche, gutmütige, kreative und inspirierende Leute im Lehrerzimmer. Und alle sind Experten in geistes- und naturwissenschaftlichen Disziplinen, die mir zum Teil sehr vertraut, zum Teil ganz fremd sind. Hier lernt man von den Besten, auch wenn sie oft verkannt werden 🙂
  • 3: Der Reichtum und die Diversität des Wissens, das einen permanent umgibt. Nicht unbedingt seitens der Schüler ;-), jedoch durch die Kollegen unterschiedlichster Fachrichtungen, eigene und fremde Unterrichtsinhalte, von Schülern erstellte Ausstellungsstücke und Poster auf den Fluren. Man bekommt einfach „Bock“ auf die Welt da draußen, aufs Dazulernen und persönliches Wachstum – und man hat das Privileg all dies im „Schutzraum Schule“ dargeboten zu bekommen. Was für ein Service! Schade, dass das ganz viele Schüler nicht so empfinden. Als Erwachsener geht man einfach mit anderen Augen durch die Schule.

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    Durch die rosarote Brille gesehen ist Schule doch ganz nett 😉  (Bild:wolla2/pixelio.de)
  • 4: Kuchen und Muffins zu jeder Gelegenheit! Sei es der Geburtstag eines Schülers, das Jubiläum eines Kollegen, das alljährliche Crêpes-Backen der Französisch-AG, Fundraising für eine Veranstaltung oder für ein Patenkind aus Nigeria – es gibt immer was zu futtern. Insbesondere als Klassenlehrerin bekommt man gelegentlich sogar ein Stückchen zurückgelegt und liebevoll auf dem Pult drapiert.
  • 5: Kinder und Jugendliche inspirieren, schockieren, staunen lassen, begeistern, mit Unangenehmem konfrontieren, informieren und so am Wachstum und Persönlichkeitsbildung teilhaben. Das ist unglaublich anstrengend, aber auch sehr sinnstiftend. Leider tritt dieser zentrale Aspekt des Lehrberufs durch Berge an Korrekturen, Papierkrieg, Machtkampf mit Vorgesetzten oder Eltern sehr in den Hintergrund.
  • 6: Die ein bis zwei Mütter, die bei der Rückkehr von einer Woche Klassenfahrt nicht einfach ihr Kind einpacken und abdampfen, sondern zu mir kommen und sich bedanken (und ein Blumensträußchen/Schokolade in die Hand drücken), weil ihre Kinder die Fahrt super fanden, sie eine Woche Ruhe hatten und ich nun tiefblaue Augenringe. Im Idealfall schicken sie auch ihre Kinder noch einmal zu mir, um selbst Danke zu sagen. Wie gesagt, im Schnitt tun dies unter 10 % der Eltern/Schüler.
  • 7: Der Fokus auf soziale Verantwortung. Sei es Umweltschutz, ein Projekt für Obdachlose, die Adoption eines Patenkindes in einem Entwicklungsland, der Spendenmarathon für ein Kinderheim oder die Willkommensklasse für Flüchtlingskinder – gute Lehrer wissen Herzensbildung und Wertevermittlung in den Unterricht zu integrieren. Gute Schulleitungen schaffen Raum und Wertschätzung dafür. Letzteres ist leider oft nicht erfüllt.
  • 8: Das Fraternisieren mit Schülern und Kollegen bei Schulveranstaltungen. Gemeinsam arbeiten für eine größere Sache, auch mal zu unangenehmen Uhrzeiten. Theatervorstellung, Schulkonzert, Tag der offen Tür, Projektwoche – hier kommt bei Schülern ungeahnter Aktionismus auf, wenn Arbeitsbereiche und Verantwortungen eingeteilt werden und man beweisen kann, was man drauf hat. Ein Gefühl, das sich im Unterricht leider nicht so häufig einstellt 😉 Auch hier gilt: Gute Schulleitungen schaffen Raum und Wertschätzung für diese Erlebnisse und Leistungen.
  • 9: Über fachliche und tagespolitische Dinge so gut auf dem Laufenden sein, dass man sie sogar vermitteln kann. Sei es das Phänomen PEGIDA, die Flüchtlingskrise, der BEXIT, die moralische Diskussion über Präimplantationsdiagnostik oder Datenschutz, Theater-Festivals, Ausstellungen, Zeitzeugen-Veranstaltungen, aktuelle Pop-Songs, aufsehenerregende Romane und philosophische Debatten – als Lehrer geht man permanent mit offenen Augen und Ohren durch die Welt, versucht zu hinterfragen, zu ergründen, den Lernwert für Schüler zu überprüfen. Nie zuvor war ich dermaßen auf dem Laufenden und breit informiert.
  • 10: Menschen von ganz anderen Seiten kennen lernen. Der Klassenclown ist Deutschlands neue Handball-Hoffnung, die 5er-Kandidatin in Englisch sorgt mit ihrem Cello beim Schulkonzert für feuchte Augen, der Legastheniker engagiert sich passioniert als Schulsanitäter, der Lehrerschreck legt auf der Klassenfahrt einen filmreifen Breakdance hin, das Mädel mit der Sprachstörung spielt beim Theaterstück selbstbewusst die Hauptrolle. Man wird immer wieder daran erinnert, dass man einen Menschen nicht in den Kategorien „Erdkunde/Deutsch/Physik/Note 1-6“ erfassen kann. Leider kommt dieser Blickwinkel in der Schule oft viel zu kurz, was mich als Lehrer stets sehr frustriert hat. Um hier mal ein kleines Zitat anzubringen: „Wissenschaftlich gesehen wären die wichtigsten Schulfächer: Musik, Sport, Theaterspielen, Kunst und Handarbeiten“ Manfred Spitzer, Psychiater und Hirnforscher

Rückblickend gibt es viele schöne Aspekte von Schule – doch trotzdem kann auch die größte Schulromantik nicht über die Kehrseite hinwegtäuschen, die mich zum Ausstieg bewogen hat. Vielleicht wird mein nächster Blog-Artikel ja „10 Dinge, die ich definitiv NICHT an Schule vermisse“, damit die Balance stimmt. 😉

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